Ich bin ein Fan von Traditionen. Ich mag es gerne wenn es an Weihnachten die gleichen Abläufe gibt oder jedes Jahr das Osterfeuer zu bestaunen. Ganz toll finde ich auch regionale Bräuche, wie zum Beispiel in Schweden das Mittsommerfest oder der Pfannkuchenlauf in England.
Ich finde es spannend welche Geschichten und Ideen dahinter stecken, wie diese Sachen umgesetzt werden und wie wunderbar wir uns auch manchmal unterscheiden. Ein Hoch auf die Vielfalt! Deswegen möchte ich euch heute einen regionalen, sehr rheinischen Brauch vorstellen, der in Köln unglaublich beliebt ist und den ich für den schönsten auf der Welt halte! Ein kleiner, feiner Post dazu:
Viele von euch kennen wahrscheinlich die großen geschmückten Maibäume, wie man sie oft in Bayern sieht. Groß, mit Bändern und einem Kranz oben auf, werden sie da oft auf den Dörfern aufgestellt. Dazu gibt es Umzüge, Feste und Trachten.
Damit hat der rheinische Maibaum allerdings nicht wirklich was zu tun.
Der Maibaum wird in der Nacht vom 30. April auf den 1.Mai gestellt, wacht man am Morgen des ersten Mai auf, so sieht am überall in ganz Köln die Bäume stehen. Der Maibaum ist eine Birke mit frischen und gerade erblühten Blättern, meist so um die 3- 5m hoch und in den herrlichsten Farben mit Krepppapier geschmückt, die mit dem silbernen Stamm und den grünen Blättern um Wette eifern.
Auf jedem Balkon, vor jedem Fenster, manchmal wagemutig und wie von Zauberhand an einer Regenrinne im 3. Stock angebracht. Auf Garagendächern, vor der Haustür, am Zauneingang und an Ampeln vor dem Haus der Angebeteten. Es ist erstaunlich wo sie sich alle tummeln, und es gibt kaum eine Stelle, an der man keine junge, wunderschön geschmückte Birke sieht.
Doch diese Bäume stehen nicht urplötzlich da, nein, sie sind ein liebvoller, aufrichtiger, zarter und doch sichtbarer Liebesbeweiß.
Die Jungen/ Männer kaufen am Mittag des 30. April einen Maibaum, man kann sie auch schlagen gehen, doch das ist verboten. Bei diesen Maibaumkäufen geht es zu wie auf dem Basar, die blutjungen Birken werden dargeboten, es wird gerufen, blitzschnell gezahlt und der Baum in Sicherheit gebracht.
Je größer, voller und schöner der Baum ist, desto mehr kostet er auch, doch jeder will schließlich die möglichst perfekte Birke erstehen.
Danach wird der Baum mit Krepppapier geschmückt, damit er dann nachts am Haus der Geliebten angebracht werden kann. Hierbei ziehen die Jungs meißt mit Bollerwagen, Autos etc. los um die Bäume zu stellen. In ganz Köln sieht man dann nachts die lachenden Männer große, bunte Birken tragen. Jedesmal finde ich die Stimmung wunderbar, ein wenig geheimnisvoll und so leicht, fröhlich und locker. Die Bäume der anderen werden begutachtet, man tauscht sich aus egal ob man sich kennt oder nicht, die Straßenbahnen sind fahrende Wälder und die Mädchen hoffen auch einen Baum zu bekommen.
In der Nacht bewachen dann die Männer meist ihre Bäume, damit sie nicht geklaut werden und kommen erst am morgen ins Bett.
Dem Brauch zufolge stellen die verliebten Junggesellen den Frauen die Bäume um ihnen ihre Liebe zu gestehen, doch heute stellen sich ihn einfach Verliebte, egal ob in einer Beziehung oder frei. Der Baum bleibt einen Monat stehen, bis er dann am 1. Juni abgebaut wird, damit gibt sich der verliebte Baumsteller zu erkennen. Mag das Mädchen ihn, gibt es eine Einladung zum Essen oder einen Kasten Bier. Tobias hat bis jetzt seinen Kasten Bier noch nicht bekommen, gern habe ich ihn aber trotzdem.
Wer jetzt denkt, die Mädchen würde nur lieb dasitzen und früh schlafen gehen, der hat sich getäuscht. Meißt gehen wir erst feiern und danach Reisherzen streuen. Reisherzen was das ist? Das Mädchen streut, in der Nacht des 30. Aprils auf den 1. Mai, Reis in Herzform vor das Haus den Angebeteten. Darin enthalten sind die Initialien und meißt ist der Reis gefärbt.
Im Schaltjahr (sowie dieses) kehrt sich dann das ganze Spielchen um, die Mädchen stellen den Baum und die Jungen streuen das Herz.
Ich bekomme meinen Freund des ganzen 30. April nicht zu Gesicht, früh morgens geht er los und wird nicht mehr gesehen. Er trifft sich mit seinen Freunden, sie planen Routen, kaufen Maibäume, dekorieren diese, Tobias braucht nach Angaben der Freunde wohl Stunden bis er ihn endlich perfekt findet, sie trinken Bier, ziehen die ganze Nacht durch die Stadt, trinken wieder Bier, klettern an Hauswänden hoch und dann... ganz plötzlich steht vor der Haustür ein wunderschöner Maibaum! Ich kann euch sagen, es ist so ein schönes Gefühl und für mich hat es immer etwas Magisches. Eine kleine geheime Aktion und die wunderbare "Überraschung" am folgenden Tag.
Ich bin immer so verliebt in meine Maibäume und bin mir immer sicher, ja meiner ist der Schönste von allen in Köln. Wie schön, dass ich in einer Stadt lebe in der dieser Brauch beheimatet ist.
Ich finde es toll, dass ein so alter Brauch auch heute noch umgesetzt wird und bei den jungen Leuten solch einen Anklang findet. Ich wäre wirklich zu Tode betrübt, sollte dieser Brauch austerben, finde ich ihn doch so reizend und liebevoll. Danach sieht es glücklicherweise nicht aus, im Gegenteil, der Brauch verbreitet sich immer weiter.
Würde euch so ein Brauch auch gefallen? Gibt es bei euch auch soetwas? Welche Bräuche sind bei euch typisch? Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen...
PS: Es gibt auch ein Pendant zum Maibaum, die Schandmaie. Wir nennen es auch manchmal 'Klobaum', denn dieser Baum wird nicht mit Krepppapier geschmückt...
PPS: Auf den Bildern seht ihr übrigens einen meiner Maibäume, von den anderen habe ich leider nur grauenhaft schlechte Handybilder, worüber ich mich echt ärgere...